Pitcairn: Was aus den Meuterern der Bounty wurde

Über 200 Jahre wechselvolle Geschichte eines exotischen Inselvolkes

09.08.2009 Michael Voigt

Die Geschichte der Bounty-Meuterer und ihrer Nachkommen zeigt: Exotische Abenteuer-Romantik gibt es nur in entsprechenden Verfilmungen. Die Realität war und ist anders...

Der Pazifik verfügt über zahllose Inseln. Oftmals sind es verträumte Paradiese, umgeben von blauen Wassermassen, soweit das Auge reicht. Nur wenige von ihnen, wie beispielsweise die Osterinseln, sind im Bewusstsein der Öffentlichkeit dauerhaft präsent. Trotz aller Abgeschiedenheit existiert in diesen Breitengraden jedoch ein Eiland, dessen Name weltweit mit Abenteuer und Exotik assoziiert wird. Es befindet sich jeweils ungefähr mittig zwischen Neuseeland und Peru sowie zwischen Tahiti und den Osterinseln und stellt außerdem den Schnittpunkt beider Strecken dar. Sein Name: Pitcairn.

Die Entdeckung von Pitcairn

Wer heute von Pitcairn spricht, meint meist die bewohnte Hauptinsel des gleichnamigen Archipels. Archäologische Funde sowie das Vorhandensein bestimmter Pflanzenarten lassen auf eine frühe Besiedlung durch polynesische Ureinwohner schließen. Die Insel blieb später jedoch offenbar lange Zeit unbesiedelt. 1767 entdeckte eine englische Schiffsbesatzung das Eiland. Zuerst sichtete es der Seekadett Robert Pitcairn, wodurch die Insel ihren heutigen Namen erhielt. Die kartographische Erfassung der Insel war jedoch stark fehlerbehaftet, was für die weitere Inselgeschichte von großer Bedeutung sein sollte.

Die Meuterei auf der Bounty

Dank zahlreicher Filme und Bücher ist die Bezeichnung Pitcairn heute untrennbar mit dem Namen Bounty verbunden. Die Bounty war ein britisches Expeditionsschiff unter Kapitän William Bligh. Am 28. April 1789 kam es auf dem Segler zu einer Meuterei, deren Ablauf recht detailliert überliefert wurde. Ursachen und Rechtmäßigkeit der Revolte werden hingegen bis heute kontrovers diskutiert. Im Ergebnis wurde Kapitän Bligh mit einigen Getreuen in einer Barkasse ausgesetzt. Dank einer großartigen, seemännischen Leistung gelang es Bligh, das völlig überladene Boot rund 5.800 km weit bis zur indonesischen Insel Timor zu navigieren. Auf der Bounty hingegen verblieben die Meuterer sowie zahlreiche „neutrale“ Besatzungsmitglieder, welche in Blighs Barkasse keinen Platz mehr gefunden hatten. Das Schiff unter Führung des Zweiten Offiziers Fletcher Christian hingegen befand sich monatelang auf Irrfahrt. Eine anvisierte Koloniegründung auf dem südpazifischen Atoll Tubuai scheiterte unter anderem an Konflikten mit den Eingeborenen. Die nächste Station hieß Tahiti, wo man allerdings das Eintreffen einer britischen Strafexpedition befürchten musste. Der harte Kern der Meuterer segelte daher bald weiter, begleitet von einigen Eingeborenen. Am 15. Januar 1790 entdeckte man die unbewohnte Insel Pitcairn, welche auf britischen Seekarten völlig falsch positioniert war. Das ideale Versteck war gefunden.

Blutige Konflikte auf der Insel

Die kleine Siedlungsgemeinschaft bestand nunmehr aus neun Meuterern und 18 Polynesiern, darunter zwölf Frauen. Einer der Meuterer setzte wenige Tage nach der Ankunft die Bounty eigenmächtig in Brand, um eine zufällige Entdeckung auszuschließen. Das solchermaßen erzwungene Zusammenleben geriet nach einigen Jahren jedoch außer Kontrolle. Es kam zu blutigen Konflikten, resultierend aus dem Streit um die Frauen sowie aufgrund der überheblichen Haltung der Europäer. Unfälle und Krankheiten taten ein Übriges, so dass zehn Jahre nach der Meuterei der Europäer John Adams der letzte Mann auf der Insel war. Er unterwies nunmehr die Frauen und Kinder anhand der Schiffsbibel im christlichen Glauben.

Wechselvolle Geschichte der Pitcairn-Siedler

Ab 1808 wurde die Insel mehrfach wiederentdeckt. Britische Schiffe ankerten erstmals 1814 wieder vor der Küste Pitcairns. Gegenüber John Adams, dem letzten Meuterer, ließ man jedoch Gnade walten. Nunmehr wurde die Insel häufiger von Wissenschaftlern, Walfängern und Abenteurern frequentiert. Die Auswirkungen waren allerdings nicht immer positiv: In den folgenden Jahrzehnten musste die Insel zweimal evakuiert werden. Krankheiten, Überbevölkerung und Nahrungsmangel hatten dafür ebenso gesorgt wie die Übergriffe einiger Schiffsbesatzungen oder Naturkatastrophen. Eine politische Sensation hatte das Eiland dagegen 1837 zu bieten: Damals wurde lange vor allen anderen Gebieten des britischen Empires das Frauenwahlrecht eingeführt.

Seit 1887 Kronkolonie, stellt Pitcairn heute das letzte britische Überseegebiet dar und ist damit der vermutlich entlegenste Geltungsbereich des EU-Rechts. Die Einwohner sind Selbstversorger, bleiben jedoch mehrmals jährlich auf Schiffslieferungen angewiesen. Zudem erhält Pitcairn finanzielle Subventionen von Großbritannien und der EU. Eigene Mittel erwirtschaftet das winzige Eiland unter anderem durch Souvenirverkäufe an Kreuzfahrtpassagiere sowie den weltweiten Vertrieb von Pitcairn-Briefmarken und –münzen, welche allerdings nicht vor Ort hergestellt werden.

Moralischer Wandel auf Pitcairn und ein Missbrauchsprozess

Die äußerst religiösen Inselbewohner traten gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschlossen der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten bei. Doch im Zuge der Modernisierung sowie durch Auswanderungen ging ab etwa 1960 der adventistische Einfluss zurück. Via Satellitenfernsehen und durch ankernde Schiffe kamen die Insulaner zunehmend in Kontakt mit Pornografie und den vergleichsweise lockeren Moralvorstellungen der westlichen Welt. 1999 machte Pitcairn in dieser Hinsicht erstmals negative Schlagzeilen, als eine britische Polizistin den Missbrauch Minderjähriger aufdeckte. Nach einer Meldung des Pressedienstes apd besuchte zu diesem Zeitpunkt nur noch rund ein Sechstel der knapp 50 Inselbewohner die Gottesdienste.

Es folgte ein jahrelanger und kostspieliger Prozess, welcher erst 2006 endete. Im Kern ging es um die Frage, inwiefern britisches Recht (welches Sex nur mit über 16 Jährigen erlaubt) auf Pitcairn gilt, denn die Angeklagten beriefen sich auf ihre polynesisch geprägte Tradition mit entsprechend frühzeitigen Eheschließungen. Lediglich einer der sieben Angeklagten wurde freigesprochen. Für die übrigen Beschuldigten errichtete man auf Pitcairn eigens ein Gefängnis.

Zweifelsohne hat der Prozess das Zusammenleben der Insulaner nachhaltig verändert. Dennoch wiesen gerade diese turbulenten Zeiten einen kleinen Hoffnungsschimmer auf: Nach 17 Jahren ohne Bevölkerungszuwachs konnte auf der Insel das erste Neugeborene begrüßt werden. Die kleine Emily Rose Christian blieb indes nicht lange allein. Knapp 18 Monate später sorgte ihr Brüderchen Ryan Randall für eine weitere Erhöhung der Einwohnerzahl. Der exotische Mythos Pitcairn wird also vermutlich nicht so bald aussterben...

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